Freitag, Juli 13, 2012

Klingeling, hier kommt der Minimalismus





"Chicago Special" im Podewil: David Grubbs und Tony Conrad spielten mit der Zeit
Holger in t Veld
Dring-Dring-Dring. Die ersten Töne gehörten noch nicht zur Musik. Es war der Weckruf der großen Kunst, das Signal zu Aufmerksamkeit und Ruhe. Drei Klingel-Töne und man war weit weg von den Eurovisions-Partys: hier, in der kleinen, elitären Nische zwischen E- und U-Musik, wo sich Menschen mit wissender Miene um Tonträger versammeln, für die auch der Fachhandel aufwändige Recherche betreiben muss. Doch nicht nur Eingeweihte hatten am Freitagabend den Weg ins wohlgefüllte Podewil gefunden. "Was ist denn das für Mucke?" flüsterte es hinter dem Rezensenten, noch bevor Grubbs seinen Gitarrenverstärker eingeschaltet hatte. Ja, was ist es denn? Gewiss keine "Mucke". Eigentlich sind es noch nicht einmal Songs - und auch mit dem Alles-und-nichts-Begriff "Post-Rock" kam man hier nicht weit. Und wieso "Chicago"?
Musikalisch geläutert
Dieser Abend, so könnte die nüchterne Antwort lauten, hieß nach dieser Stadt, weil David Grubbs, ein aus Kentucky stammender, mittlerweile in New York wohnhafter Musiker in Chicago die neunziger Jahre verbracht hat. Als Teenager hatte Grubbs mit der Hardcore-Formation Squirrel Bait gelärmt und danach mit Bastro dekonstruktivistischen Noise-Rock produziert. Der Weg nach Chicago ging einher mit einer musikalischen Läuterung. "Ich wurde der lauten Musik überdrüssig", berichtete er der englischen Avantgarde-Zeitschrift "The Wire". "Die klangliche Skala ist zu klein, selbst die leisen Momente eines Bastro-Gigs waren verdammt laut." Zusammen mit dem ortsansässigen Multitalent Jim O Rourke erforschte er unter dem Namen Gastr Del Sol die Möglichkeiten akustischer Instrumente und elektronischer Störgeräusche und verwob Musique Concrète mit luftigem Art Rock. 1997 trennte sich das Chicagoer Dream-Team, seitdem stellt sich Grubbs zunehmend in Tradition jener Alt-Avantgardisten, über die er als Journalist auch gelegentlich in der "SZ" schreibt: John Fahey, Tony Conrad und Iannis Xenakis. Mit Conrad produzierte Grubbs in den letzten Jahren mehrere Aufnahmen, so kommt es, dass auch der New Yorker Geiger hier unter "Chicago" firmiert.
Grubbs eröffnete den Abend allein. Still nahm der Mittdreißiger mit der hohen Stirn und der winzigen Brille am Rande der Bühne Platz und zupfte sitzend ein paar mathematisch anmutende Kleinode. An Punkrock - oder überhaupt Rock - erinnerte allenfalls noch, dass er seine offenen Moll-Akkorde und zart gepickten Läufe nicht einer akustischen, sondern elektrischen Gitarre entlockte. Von dieser perfekt abgezirkelten Schönheit ging es übergangslos zur schmerzvollen, dunklen Seite von Chicago. Kevin Drumm und Jerome Noetinger, ein Chicagoer und ein französischer Elektroniker, hatten vor der Bühne eine Wagenladung analoger Gerätschaften ausgebreitet. Hier wurde musikalische Funktionalität auseinandergebaut: eine ebenso transparente wie markerschütternde Industrial-Symphonie aus Oberton-Sirren und subsonischen Bässen.
Nach der dringend benötigten Pause dann der große geschichtliche Moment des Abends: Tony Conrad, der einstige Begleiter von La Monte Young und John Cale, war leibhaftig bei der Erzeugung seiner polyphonen Klangmalerei zu sehen. Mit grüner Hose und rotem Schlabber-Shirt machte der 62-jährige Conrad dabei deutlich, dass er innerhalb "der Avantgarde" eher den hippiesken Krautrockern Faust als der gestrengen Rollkragen-Fraktion nahe steht. Conrad praktiziert pure Improvisation, die keiner tradierten harmonischen Entwicklung folgt. Sich im Auf und Ab der Streichbewegungen wiegend, wurde seine manipulierte Geige zu einem gesamtem Streichorchester, welches, über mehrere Oktaven skaliert, auf wenigen dissonanten Akkorden kratzt und dabei jenes als "Drones" bezeichnete Dröhnen, Brummen und Summen produziert, durch das das Publikum in halbwache Trance verfiel.
Mit Ordnung und Takt
Nach einer guten halben Stunde war aber auch diese Ewigkeit vorbei und die Uhr wieder funktionsbereit. Die Grubbs-Komposition "Act Five, Scene One", ursprünglich als Klang-Installation realisiert, basiert auf Takt und Ordnung: ein viereinhalbminütiges Thema, welches, alle Viertelstunde wiederkehrend, in den Worten von Grubbs "wie ein Wecker" funktioniert. In der Umsetzung mit Grubbs, Conrad und Schlagzeuger Dan Brown war dieses abschließende Werk eine gute Zusammenfassung der zuvor gehörten Gegensätze: während der verloren wirkende Conrad die flächigen Passagen mit Kratzen an allerlei selbstgebauten Objekten füllte, riefen Grubbs und Brown den ambienten Traum wieder zur Ordnung.

Kyle Bobby Dunn