Samstag, Juni 30, 2012

Huhn geschlachtet

Von John Cale. Um Punks zu erschrecken. 1977




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"One day on the tour, we were driving back to London and I said to the tour manager, 'I want to get a live chicken.' We had bought a meat cleaver in Germany and it gave me an idea. I told him to stop at a farmhouse and buy a chicken, but put in a box so that nobody else in the band would know. However, he came out of the farmhouse holding the squawking chicken by its legs. All the way back to the Portobello Hotel everybody in the band was asking, 'What's he gonna do with the fucking chicken? You're not going to hurt it, right?'
    The gig was at Croydon. I had the chicken killed backstage and put on a wooden platter with a handle. I told the roadie: 'When I get into the second verse of Heartbreak Hotel, slide it out to me on the platter.' I already had the meat cleaver stashed on stage. The guys in front were slam-dancing, bopping and swaying. All those punks with their leather and chains, pushing everybody because they had taken too much speed. So I thought, try a little voodoo! I am singing, 'We could be so lonely,' swinging the chicken around by its feet, nobody in the audience knowing it was dead, 'we could be so –' Twhok! I decapitated it and threw the body into the slam dancers at the front of the stage, and I threw the head past them. It landed in somebody's Pimm's. Everyone looked totally disgusted. The bass player was about to vomit and all the musicians moved away from me. Even the slam dancers stopped in mid-slam. It was the most effective show-stopper I ever came up with."

Drummer Joe Stefko and bass player Mike Visceglia walked off. The non-vegetarians Ritchie Fliegler (guitar) and Bruce Brody (keyboards) stood their ground.

The ep Animal Justice which contains the track Chickenshit - a putdown for his deserting band members - was released later that year. It was recorded in London within days after the incident. The "Arthur" in the song is supposedly Joe Stefko, but

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Ein Lehrstück der Paranoia

Vermutlich hat Herr Cale ca. 1000 Sonnenbrillen ....




Allen Pop-Verwirrten, die ihn ständig mit J. J. Cale verwechselten, bolzte John Cale vor 15 Jahren seinen Song "Autobiography" entgegen, dessen Textzeilen "Ich habe nie einen Song geschrieben, der ,Cocaine'' heißt / und aus dem Mittelwesten komme ich ebenfalls nicht" die Personalverwirrung für alle Zeiten aus der Welt schaffen sollten.

Nun hat John Cale dem autobiographischen Lied eine Autobiographie folgen lassen. Das Werk, halb Küchenpsychologie und halb Klatschkolumne, heißt "What''s Welsh for Zen", geschrieben wurde es unter Mithilfe des Warhol-Spezialisten Victor Bockris und optisch aufregend gestaltet von Dave McKean**.

Als John Cale am 9. März 1942 im walisischen Dorf Garnant zur Welt kommt, ist sein popkultureller Widerpart und trotzdem Seelenverwandter Lou Reed eine Woche alt. "Er war mir immer das entscheidende Stück voraus", schreibt Cale nun über den Zwilling im Geiste aus Brooklyn.

Während Reed zwischen Elektroschocks und einem Literaturstudium einer Lohnschreiber-Karriere in amerikanischen Musikverlagen entgegenwuchs, träumte sich der junge Cale aus seinem provinziellen Leben und privaten Traumata, ausgelöst durch pädophile Organisten und das mütterlich dominierte Elternhaus, ins Traumland USA: "In meiner Phantasie sicherte ich mir einen Platz zwischen all den Künstlern, Beat-Dichtern und Musikern der Lower Eastside, wo genau in diesem Moment John Cage sein Stück Stille mit dem Titel ,4''33'' zur Aufführung brachte."

In der Realität aber hörte Klein-John Radio Luxemburg unter der Bettdecke und studierte die Partituren für das Walisische Jugendorchester. Sein musikalisches Talent ermöglichte Cale schließlich den Ausbruch aus der heimatlichen Enge: Einmal in London, setzte er sich mit den Komponisten John Cage und Aaron Copland in Verbindung, die ihm ein Stipendium in den USA verschafften. Wie schon seine Londoner Lehrer ließ John Cale auch seine amerikanischen Mentoren etwas verstört zurück, als er Klaviere mit der Axt attackierte. Sein Traum von der fidelen Boheme wurde aber erst Wirklichkeit, als er sich dem Minimalisten

La Monte Young anschloß, der seine dröhnenden Musikexkursionen Anfang der sechziger Jahre mit intensivem Drogenhandel finanzierte.

Kongeniale Partner fand Cale in Lou Reed, Sterling Morrison und Maureen Tucker, mit denen er 1966 Velvet Underground als Andy Warhols Haus-Combo etablierte - eine der bis heute einflußreichsten Bands der Popgeschichte. Doch Warhols schnell erlahmendes Interesse am Rock''n''Roll und Rivalitäten zwischen Cale und Reed - "Mein Hang zu langen Dröhnpassagen kollidierten mit Lous Sehnsucht nach mehr Kommerz" - führten erst zu Cales Rausschmiß aus der Band, schließlich zum Ende der Gruppe.

Und Cale? "Im Sommer 1970 hörte ich eines frühen Morgens plötzlich diese ploppenden Geräusche, als ich Richtung Downtown ging. Zuerst konnte ich das Geräusch nicht einordnen, dann sah ich einen Schwarm Stare, der ohne erkennbaren Grund gegen das Empire State Building flog, und von dort stürzten die Vögel zu Boden. Und mir wurde bewußt, daß ich einer von ihnen war. Meine Heroin-Abhängigkeit trieb mich in die Enge; es war nur eine Frage der Zeit, bis auch ich voll gegen die Wand knallen würde. Zeit, auszusteigen."

Es folgten traumatische Ehen, mäßig erfolgreiche Soloplatten und Produzenten-Jobs für die Stooges, Nico und Patti Smith, die erst retrospektiv von Bedeutung waren, und die kokaingetriebene Karriere als Talentsucher für eine Plattenfirma.

Die Velvet-Underground-Renaissance der achtziger Jahre fand in einer für Cale frustrierenden Band-Reunion im Sommer 1993 ihren Höhepunkt und Abschluß: Für Cale der letzte Beweis, daß er bei musikalischen und privaten Partnerschaften, speziell mit Lou Reed, stets den kürzeren ziehen würde. "Bei einem der Konzerte ging Lou einfach zu meinem Roadie und befahl ihm, mein E-Piano abzustellen. In dem Moment hätte ich ihm am liebsten die Zähne in den Hals gerammt. Er wurde seltsamer mit der Zeit; damit kann ich nicht umgehen."

Der reife, aber auch frustrierte Cale wandte sich mehr und mehr von der Popmusik ab und suchte sein Heil in Filmmusiken und ambitionierten Orchesterwerken, ohne den hühnerkopfabhackenden, seelenzerfetzenden Mr. Hyde in sich je ganz loswerden zu können: Selbst der jugendverliebte "New Musical Express" feierte den Endfünfziger anläßlich eines Konzerts im vergangenen Winter als "reines Genie".

"What''s Welsh for Zen", John Cales rhapsodisches Erinnerungswerk, ungewöhnlich ordentlich zwischen Buchdeckel aus roher Pappe gepackt, muß sich zwar keinem Lou Reed, wohl aber dem künstlerischen Gesamtbild der Unternehmung unterordnen: den Fotomontagen, Comic strips und typographischen Anordnungen McKeans. Das ist zunächst irritierend für den Leser, aber schließlich doch eine kongeniale optische und haptische Umsetzung der Caleschen Lebensbeichte.

Victor Bockris'' Beitrag erschließt sich dem Leser schwerer: Zwar ist auch Bockris Lou Reed durch eine herzliche Abneigung verbunden und als Autor mehrerer Bücher zum Velvet-Underground-Thema eine naheliegende Wahl als journalistisches Korrektiv, aber in Cales Sprachfluß scheint er nicht korrigierend eingegriffen zu haben: Widersprüche bleiben unaufgelöst stehen, Aussagen wiederholen sich, und nur Eingeweihten bekannte Namen und Vorgänge werden dem Leser nicht näher vorgestellt. Immerhin gibt die Kooperation mit Bockris Cale Gelegenheit, den Juniorpartner mit dem Respekt zu behandeln, der ihm angeblich in eigenen Kollaborationen mit Reed oder Brian Eno versagt blieb. Hier aber steht Bockris gleichberechtigt neben dem Hauptdarsteller: neben John Cale, dem guten Menschen von Garnant.

Seit Jahrzehnten mühen sich Fans, die Saga von Velvet Underground und deren weltweiter Wirkung durch eine minutiöse Dokumentation der Bandhistorie, durch die Wühlarbeit von Organisationen wie der "Velvet Underground Appreciation Society", durch Bücher und epische Websites abzusichern. Insofern dürfte die Karriere John Cales und der in seiner Biographie herumwimmelnden Halbberühmtheiten dem Zielpublikum von "What''s Welsh for Zen" vertrauter sein als den lange drogenumwölkten Protagonisten.

So kann man sich auf die unleugbaren Stärken des Buches konzentrieren: die Zoten und Anekdoten aus dem Zwischenbereich von Pop und Kunstbetrieb, kernige Merksätze wie "Man braucht einen Rechtsanwalt, einen Buchhalter und einen Manager" und die quälende Selbstanalyse eines Popstars, der dazu neigt, die Gründe des eigenen Scheiterns bei Dritten zu suchen: ein Lehrstück in Sachen Paranoia.

Mit 57 ist Cale sicher noch nicht ans Ende seiner Karriere gelangt; die Lou-Reed-Zeile "What comes is better than what came before" trifft auf den unsteten und kreativ unbefriedigten Cale viel mehr zu als auf ihren Schöpfer, über den Cale abschließend schreibt: "Ich möchte ihn nie wieder sehen, möchte nie wieder mit ihm sprechen und nichts mehr über ihn hören." Mag die Beziehung zu Lou Reed nach 35 Jahren abgeschlossen sein, in einem Punkt irrt John Cale in seinem Buch aber mit Sicherheit, irrte er schon in dem Song "Autobiography", als er sang "I''ll never be part of history": Seine Leistung ist längst Teil der Popgeschichte.

* Sterling Morrison, Maureen Tucker, Lou Reed, John Cale. ** John Cale, Victor Bockris, Dave McKean: "What''s Welsh for Zen". Bloomsbury Publishing, London; 272 Seiten; 20 Pfund.