Freitag, Juni 15, 2012

Balkonblumen





Im Jahre 1966

wurden drei Studenten wegen ruhestörenden Lärms zu einer
Geldbuße verurteilt. Die Gründe dieses Amtsgerichtsbeschlusses aus Treysa,
heute Schwalmstadt, beschreiben folgenden Sachverhalt:
"Die drei Betroffenen sind nebst dem Schlagzeuger Schreiber Mitglieder
einer modernen Unterhaltungskapelle, gemeinhin heute 'Beatband' genannt.
Sie haben ihrem Klangkörper den programmatischen und anspruchsvollen
Namen

'The Petards'




(auf deutsch: Die Knallfrösche) gegeben. Sie
haben mit diesem Orchester auch am 9. September 1965 in der Zeit von 20
bis 24 Uhr in Oberaula in der in der Dorfmitte gelegenen Gastwirtschaft
'Zur Aue' gespielt. Hierbei ging es sehr geräuschvoll zu.... Nach den
glaubwürdigen, überzeugenden Aussagen der bejahrten Zeugen Davin,
Budig und Söllner steht zur überzeugung des Gerichts fest, daß der Lärm
das gebotene Maß weit überschritten hat. Die Zeugen waren zum Teil dem
Wunsch der Betroffenen und auch der Jugendlichen der Ortschaft Oberaula,
sich durch geräuschvolle Musik etwas Freude zu machen, durchaus
wohlwollend gegenüber eingestellt. Indessen war der Lärm so unerträglich,
daß ein etwa 70 bis 80 m entfernt wohnender Zeuge trotz sonst gesunden
Schlafes in jener Nacht erst spät zur Ruhe kam, zumal die Fenster der Gastwirtschaft
offen waren. Er fühlte sich erheblich gestört. Der zweite Zeuge
fand den Lärm unerhört und übertrieben und konnte überhaupt nicht einschlafen.
Ähnlich erging es auch dem dritten Zeugen, der erst gegen Morgen
eingeschlafen ist. Das brauchten sich diese Zeugen in bewohnter Ortslage
nicht bieten zu lassen.... Auf Anweisung des Gerichts haben die Betroffenen
und der mitbeteiligte Schreiber in dem mittelgroßen Gerichtssaal eine
Probe ihres Könnens und auch des weit reichenden Radius ihrer Darbietungen
abgelegt. Es war ein unerträgliches Gedröhne, so daß die Schilderung
eines Zeugen, man habe auf der Straße sein eigenes Wort nicht verstehen
können, durchaus nicht übertrieben erscheint. Die Betroffenen können
auch nicht dagegen geltend machen, daß dieser Lärm unvermeidbar sei, weil
das unverstärkt gespielte Schlagzeug eine solch erhebliche Eigenlautstärke
habe, daß die anderen Gitarren dieser Lautstärke angepaßt werden müssen.
. . . Es gibt Mittel und Wege, diese lautstarke Musik zu dämpfen. Allein bei
dem Augenscheintermin vor Gericht erschien der Schlagzeuger mit mindestens
drei trommelartigen Geräten, die zum Teil in einem Wirbel zugleich
bedient wurden. Es ist durchaus möglich, den Schlagzeuger in seiner
Variationsbreite etwas einzuschränken, ohne daß dadurch der Klangkörper
Schaden leidet. Entsprechend können oder müssen auch die Lautverstärker
der Gitarren gedämpft werden. Wenn das Schwierigkeiten bereitet, so sind
die Betroffenen auf jeden Fall gehalten, dafür zu sorgen, daß die Fenster der
Gastwirtschaft geschlossen sind. Dies gilt umso mehr, als sie an jenem
Abend Veranstalter gewesen sind und nach den Bekundungen des Zeugen
Schnell den Eintrittsbeitrag von je 2,- DM pro Person selbst eingezogen
haben. Die Betroffenen wußten, welch schrecklichen Lärm sie erzeugten.
Gleichwohl haben sie weitergespielt, obwohl sie durch die Töchter des
Wirts aufgefordert worden waren, etwas leiser zu spielen. Sie haben also um
des Spielens willen erhebliche Störungen der Nachbarschaft bewußt in Kauf
genommen. Hierfür sind alle verantwortlich. In diesem Zusammenhang
spielt es keine Rolle, daß der Schlagzeuger der größte Lärmer war und daß
die Gitarren nur durch Lautverstärker sich erst neben dem Schlagzeuger
behaupten konnten. Auch spielt es keine Rolle, ob Horst sich als den
leisesten Spieler bezeichnet. Dies Spiel ist funktionell bedingt. Alle vier
Spieler gingen aber auf den größtmöglichen Effekt hinaus, sie waren Angehörige
eines Klangkörpers und waren denn für den eigenen Beitrag wie auch
für den der anderen Beteiligten und Betroffenen mitverantwortlich, zumal
sie den Gesamteffekt alle gewollt haben". 1