Donnerstag, Mai 24, 2012

Ari Boulogne, Sohn von Nico,

38, hat ein Buch geschrieben: Über seine Sehnsucht, dass ihn sein Vater anerkennt. Er sagt, es sei Alain Delon Der Muttersohn Von Lutz Krusche PARIS, im Mai. Nein, sagt er am Telefon, er wolle niemanden sehen. Er sei so unendlich müde. Merkwürdige Auskunft eines Mannes, der 38 Jahre alt ist. Aber dann ruft er doch zurück und schlägt ein Treffen vor. Da der Mann nicht genau weiß, wie er heißt, lebt er unter seinem Vornamen. Ari. Er wohnt mit seiner Freundin Veronique und dem zwei Jahre alten Sohn Charles in einer kleinen Wohnung in der Nähe des Pariser Ost-Bahnhofs. An der Haustür steht nur Veroniques Name. Ari ist aschfahl, sein Haar ist verschwitzt. Als Treffpunkt hat er ein Bistro an der Ecke vorgeschlagen. Da sitzt er nun, kippt zwei Tassen schwarzen Kaffees herunter und zündet sich mit zittrigen Fingern eine Players an. Er ist zwei Jahrzehnte durch die Hölle von Drogen und Alkohol gegangen, die Spuren sind ihm anzusehen. Aber er hat noch immer dieses Gesicht, das die anderen Gäste im Bistro den jungen Mann neugierig mustern lässt. Sieht der nicht aus wie Alain Delon? Die Paparazzi seien hinter ihm her, ein Psychiatrie-Fachblatt auch, sagt Ari. Was er brauche, das sei Ruhe. Das ist begreiflich. Rückblick. New York, 1967. Ein Kind mit lockigem Haar schluckt alles, was von den Exzessen der Drogen-Szene übrig bleibt: Wodka- und Whisky-Reste, "Pillen mit schönem Orangengeschmack, die ich in der Handtasche meiner Mutter fand". Ein Kind im New Yorker Underground der sechziger Jahre. Ari sitzt auf den Knien von Andy Warhol, reitet auf den Schultern von Bob Dylan, lässt sich verwöhnen von Lou Reed und John Cale, den Köpfen der legendären Band Velvet Underground. Und in seiner Unschuld dient er bei Drogenrazzien der Polizei als Tarnung. Wodka und Whisky Seine Mutter ist Christa Päffgen, eine Deutsche, in Köln geboren. Schon mit sechzehn Jahren Top-Modell auf den Laufstegen, wird sie unter dem Künstlernamen Nico Sängerin von Velvet Underground und als Muse in Andy Warhols Factory die Ikone einer Epoche. 1988 stirbt sie, zerstört von Drogen, ausgebrannt von zu vielen Konzerten, zermürbt von ewiger Geldnot. Aris Vater, das hat Nico immer gesagt, ist Alain Delon. Doch der französische Filmstar hat die Vaterschaft immer wieder bestritten. Delons Anwalt spricht von einer "juristisch anzuzweifelnden inexistenten Verwandtschaft". Eine absonderliche Formulierung. Aber Delon kann Ari so einfach nicht abschütteln - denn die Nico-Delon-Ari-Saga, die den absurdesten Fantasien eines Soap-Drehbuchs gerecht würde, fasziniert Frankreich wieder. Das liegt daran, dass Ari sein Leben in einem Buch beschrieben hat, das soeben erschienen ist. Die Arbeit an dem Buch mit dem Titel "L amour n oublie jamais", Die Liebe vergisst nie, habe ihn ausgebrannt, sagt Ari. Es ist die Geschichte einer innigen Liebe zwischen Mutter und Sohn, die gleichzeitig eine diabolische Komplizenschaft zwischen zwei Drogenabhängigen war. Das Chaos der Biografie des Ari beginnt gleich mit der Geburt am 11. August 1962 um 5.55 Uhr im Pariser Feudal-Vorort Neuilly. Die 24 Jahre alte Christa Päffgen macht einen verhängnisvollen Fehler, als sie den Namen des Vaters nicht registrieren lässt. Das Kind fällt früh durch seine ungewöhnliche Schönheit auf. Nico, die von Konzert zu Konzert hetzt, kann sich nicht um Ari kümmern. Sie überantwortet den Jungen ihrer Mutter Margarete, die vor Aris Augen von Tag zu Tag verfällt, sie hat die Parkinson sche Krankheit. "Ich war allein mit Omi und ihrem mentalen Verfall", sagt Ari, "eines Tages schloss sie mich ein und warf den Schlüssel weg. Ich war verrückt vor Angst und schrie." Alain Delons Mutter Edith - seit ihrer zweiten Ehe trägt sie den Familiennamen Boulogne - erfährt damals aus der Pariser Klatschpresse von der Existenz ihres mutmaßlichen Enkels. Sie setzt ihre Tochter in Marsch, die den Kleinen entführt. Mit drei Jahren kommt Ari in eine völlig neue Umwelt, in das kleinbürgerliche Milieu der Familie des Metzgers Paul Boulogne in Bourg-la-Reine südlich von Paris. Edith Boulogne schreibt später: "Niemand kann mir je die Gewissheit nehmen, dass Ari der Sohn meines Sohnes ist." Und: "Sogar kleine Macken waren dieselben. Ich hatte das Gefühl, noch einmal Alain aufzuziehen. Ich war überzeugt, dass mein Sohn ihn akzeptieren würde." Der Metzger Boulogne adoptiert Ari, seine Frau Edith kann das nicht, denn dann würde Ari ja zum Bruder seines mutmaßlichen Vaters werden. Aus dem Päffgen wird ein Boulogne. Nico wird nicht gefragt, ob sie mit der Adoption einverstanden ist. In New York singt Lou Reed für Nico: "They take her child away." Alain Delon reagiert erbost auf die Adoption, er stellt seine Mutter vor die Alternative: das Baby oder ich. Edith Boulogne entscheidet sich für das Baby, Alain schneidet seine Mutter volle siebzehn Jahre lang. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1995. Ari zündet sich eine neue Zigarette an. "Der ist eiskalt", sagt er über Alain Delon. Dann schweigt er. In Aris Erinnerungen gibt es Ungereimtheiten und Widersprüche. Wen wundert das bei einem Lebenslauf, der wie eine Achterbahn verläuft: Die drogensüchtige Mutter nimmt ihn als Jugendlichen wieder zu sich, und Ari pendelt zwischen der New Yorker Szene und dem gutmütigen Spießertum seiner neuen Familie. Trotz der vielen Trennungen war die Bindung an meine Mutter stärker als die an meine Adoptiv-Familie", sagt Ari; Nico sei in seinem Leben allgegenwärtig geblieben. Sie hieß nur Nico, also heißt er nur Ari. Doch Ari ist auch mit dem Schicksal des Mannes verbunden, der die Vaterschaft so vehement abstreitet: Wann immer Alain Delon in den Schlagzeilen ist, streichen Paparazzi um das Haus der Boulognes, um den kleinen Ari zu fotografieren. Da beschließen die Boulognes, den Jungen - auch damit ihn seine Mutter nicht mehr findet - in ein katholisches, privates Internat zu stecken. Ari ist fortan der strengen Zucht der Jesuiten ausgesetzt. Große Augen und dunkle Locken Fotos aus jenen Jahren zeigen einen Teenager, der aussieht wie eine griechische Statue: ebenmäßiges Gesicht, große Augen, dunkle Locken. Ari ist ganz der junge Alain Delon, dazu hat er breite Wangenknochen wie die Mutter. Mit siebzehn Jahren schließt Ari sich wieder Nico an. Er wird ihr Drogen-Kumpan. Einmal kriechen die beiden auf allen vieren durch die Wohnung, verzweifelt suchen sie eine Packung Opium, die sie selbst versteckt haben. Ein Zeitgenosse erinnert sich, wie Ari der Mutter ein großes Geschenk mitbringt: eine funkelnde Spritze, gebrauchsfertig gefüllt. "Mutter war zu keiner Tat mehr fähig ohne Drogen", erinnert sich der Sohn. Nur so überstand sie rund 1 200 Konzerte in sieben Jahren. Und Ari ist dabei, er wird zum Wrack. Aus einem dreiwöchigen Koma holen ihn die Ärzte nur noch mühsam zurück. Bei Ari bleibt die Sehnsucht, die Besessenheit, vom Vater anerkannt zu werden. Er trifft dessen Sohn Anthony, der in einer Welt des Luxus lebt und ihn "sehr kameradschaftlich behandelt". Aber das war es dann auch. Alain Delon, mittlerweile 65 Jahre alt, hat noch zwei kleine Kinder aus einer Verbindung mit der Niederländerin Rosalie van Breemen: Anouchka und Alain-Fabien. Manchmal zeigt Delon sogar Zeichen der Zuneigung. Er schreibt Ari ein paar Zeilen und unterzeichnet sie mit "zärtlich, Alain". Er gibt ihm einen Scheck. Er räumt Ari gegenüber auch ein, dass er mit Nico geschlafen hat, aber eben nur ein Mal. Delon sollte eigentlich wissen, dass das reichen kann, um Vater zu werden. Einmal nimmt Delon Ari in seinem BMW mit und benimmt sich, "als hätten wir uns immer gekannt". Doch dann sagt Delon: "Du bist mein Kumpel, aber ich will dir was sagen: du hast weder meine Augen noch meine Haare. Du bist nicht mein Sohn, du wirst es nie sein." Der Junge ist am Boden zerstört. Ari Boulogne bestellt sich noch einen Kaffee und zieht seinen dunklen Parka aus, sein hellblauer Pulli ist schweißnass. Sicher, da sei das Duell mit Delon, vor allem aber gehe es ihm um seine Identität. Seine Freundin Veronique schaut herein, Ari nimmt ihre Hand. Er hat sofort seine Vaterschaft für seinen Sohn Charles registrieren lassen, denn: "Ihm will ich nicht einen Lebenslauf ohne Namen aufbürden." Dass Delon vor einem französischen Gericht quasi von der Vaterschaft freigesprochen worden ist, weil niemals ein Vaterschaftstest gemacht wurde, hat Ari erst spät erfahren. Solch ein Test ist nicht mehr oder nur unter äußerst schwierigen Umständen möglich; Ari hätte ihn kurz nach seiner Volljährigkeit beantragen müssen. Und Delon ist kaum greifbar. Er hat die Schweizer Staatsbürgerschaft angenommen und er verfügt über teure, gute Anwälte, die pathetische Sätze sagen wie diesen: "Unser Mandant hat einen gewissen Begriff von Ehre. Wenn es sich um seinen Sohn handelte, hätte er ihn anerkannt." Abschied auf Ibiza Und Ari? Er ist zwar Nicos Erbe, und im Virgin-Megastore an den Pariser Champs Élysées verkaufen sich die CDs seiner Mutter noch immer gut. Aber die Tantiemen kassieren andere, Piraten. "Sie sind nicht greifbar, ich kämpfe um mein Recht gegen Briefkastenfirmen", sagt Ari und winkt ab. Der Mann ohne Vater blickt auf die Straße, nun sieht er wieder aus wie Alain Delon in seinen besten Jahren. Dass er sich mit Delon nicht ein Mal in Ruhe aussprechen kann, findet er "stupide". Aber es sei ja noch nicht zu spät. Nico ist im August 1988 mit fünfzig Jahren auf Ibiza gestorben, einfach so, nach einer Einkaufstour mit dem Fahrrad. Die letzten beiden Jahre ihres Lebens sei sie clean gewesen, sagt Ari. Über seinen Abschied von der toten Mutter in einem Krankenhaus auf Ibiza schreibt er: "Ich küsste ihre Stirn, dann ging ich hinaus und kotzte hinter ein Auto." BERLINER ZEITUNG/LUTZ KRUSCHE Ari Boulogne in Paris. Er hat jetzt seine Autobiografie veröffentlicht, sie trägt den Titel "L amour n oublie jamais" - Die Liebe vergisst nie.

La cicatrice interieure

Nico, ihr Sohn und Iggy Pop Rainer