Donnerstag, November 03, 2011

Kollegen




und Peter Hein als er jung war

Liebes, liebes Tagebuch



Diedrich Diederichsen im Sounds schrieb am Ende seiner Kritik über dieses Buch statt Anzahl der Seiten und Preis a zu geben : „dick, lohnt sich“.
Ich kaufte es sofort und habe es bis heute weder ganz gelesen, geschweige verstanden.
So wie heute viele Blogs heute.

Rainer










DER SPIEGEL 26/1982

TAGEBÜCHER
Wenn Teenager träumen

Eine junge Hamburgerin, die sich Veranda Spuk nennt, hat aus ihrer Traum-Liebe zu einem amerikanischen Pop-Star ein Buch gemacht.

Das Manuskript, das die Post dem Frankfurter Suhrkamp Verlag vor gut einem Jahr ins Haus brachte, war mit einem Schleifchen verziert, trug in Goldschrift den Titel: "Mein Flirt mit einem ganz bestimmten Superstar oder Mein heiliger Pappkarton im Bettlaken".

Es enthielt, ordentlich abgetippt, das Tagebuch eines jungen Mädchens, von ihrem 13. bis in ihr 19. Lebensjahr reichend, teils anschaulich keß, teils mysteriös; die Autorin hielt sich hinter einer Hamburger Postlagernd-Anschrift und dem bizarren Pseudonym "Veranda Spuk" versteckt.

Als der Verlag ihr aber mitteilte, man wolle ihr Buch drucken, erschien sie in Frankfurt, gab manche Auskünfte über sich, verweigerte andere, äußerte eigensinnige Wünsche - das Buch solle so schlicht wie ihr getipptes Original aussehen, aber möglichst kostbar in eine Pralinenschachtel verpackt werden -, blieb irgendwie mysteriös und entschwand. Seit Monaten hat der Verlag nichts mehr von Veranda Spuk gehört, und ihr Text weist keinen Weg zu ihr.

Denn ihre äußere Existenz - Familie, Schule und Freunde, später Berufslehre und Umzug in eine eigene kleine Wohnung - wird in ihrem Tagebuch nur am Rand sichtbar, und als eine eher enttäuschende Sache. Mit 14 notiert sie: "Was kann man denn schon erleben? Solange man ein Mensch ist, sind doch die Möglichkeiten sehr beschränkt."

Was sie "wirklich" erlebt, was ihr Tagebuch füllt, ist Traum, Schwärmerei, Phantasie: ihre Liebe zu einem amerikanischen Pop-Idol. Anfangs stimulieren Platten und Posters diesen quasi religiösen Kult, später baut sie einen großen Pappkarton zum Heiligtum aus, zur Traum-Höhle, in der sie ungestört von ihrem Angebeteten phantasieren kann - und weil man den Namen seines Gottes nicht ungestraft ausplaudern darf, nennt sie ihn immer nur "Winny".

In euphorischen Augenblicken ist sie überzeugt, daß das Schicksal Winny und sie füreinander bestimmt habe; in Glücksmomenten sind ihre Träume anschaulich lustig ("den ganzen Tag wollte ich Winny in den Pimmel und ins von mir aus gesehen rechte Ohrläppchen beißen"); in depressiven Phasen verliert sie sich - voll Angst, von ihrer Umwelt für verrückt gehalten zu werden - in Delirien von gemeinsamem Tod oder Selbstmord.

Doch aus allen Verrücktheiten rettet sie der verrückteste, also realistischste Einfall: Sie wird einen tagebuchhaften Roman schreiben über ein Mädchen, das irrsinnig in einen Superstar verknallt ist, und dieses Buch wird einen so "sensationellen" Erfolg haben, daß sogar der Star im fernen Kalifornien davon hört und sich natürlich sofort zu seiner geheimnisvollen Anbeterin aufmacht.

Der erste Schritt ist gelungen: Das Buch ist da, wie Veranda Spuk es gewollt hat: in schlichter Schreibmaschinen-Schrift gedruckt, aber in Goldfolie gebunden und in eine schokoladenbraune Konfektschachtel mit Goldschrift verpackt. Nun muß das Buch bloß noch ein solcher Hit werden, daß "Winny" davon erfährt (er wird schon kapieren, daß er gemeint ist) und sich schleunigst auf die Socken macht. Veranda Spuk wartet auf ihn, mit gepacktem Koffer und manchmal mit Ungeduld: "Könnten Sie sich bitte etwas beeilen. Ich sitze schon Beulen in meinen Koffer, den werde ich gar nicht mehr aufbekommen, wenn Sie noch lange umhertrödeln."