Freitag, März 25, 2011

Somerzeit - T-Shirtzeit




Krautrock




VINYL ON DEMAND

VINYL ON DEMAND
Bandrauschen und Vinylknistern –
wenn eine Leidenschaft zur Labelphilosophie wird

Ohne zu übertreiben kann man wohl sagen, dass V.O.D. das derzeit aktivste und professionellste Rerelease-Label für NDW-Musik ist. Frank Maier, der alleinige Labelbetreiber, ist auch eine der ersten Adressen, wenn man obskure Musikprodukte sucht oder auch nur aus persönlichem Interesse eine der größten NDW-Sammlungen der Welt bewundern will. Er ist ein absoluter Fan(atiker) und Perfektionist im positiven Sinne, was sich auch in der Auswahl und Präsentation aller V.O.D.-Veröffentlichungen widerspiegelt. Und er hat den entscheidenden Schritt gewagt, seinen Job hingeschmissen und sein Hobby, nein, seine Passion zum Beruf gemacht.

Vinyl On Demand machst du ja hauptberuflich. Kann man davon leben, oder ist es der konsequente und idealistische Kamikaze-Lebensweg?

Man kann leider nicht davon leben – noch nicht, aber es ist mein mittelfristiges Ziel, davon zu leben, auch wenn anscheinend nur bis zu fünf Prozent der Leute, die sowas machen, mit dem eigentlichen Label Geld verdienen. Bis dato bin ich ja auch noch keine Zweitverwertung angegangen, mit der man dann Geld verdienen kann. CDs, Bücher, DVDs, Verlagsrechte, GVL, Merchandise oder Auflagenerhöhung, Zweitpressungen, das ist ja alles in der Schwebe. Eins nach dem anderen.

Was hast du vorher gemacht?

Nach dem Studium war ich Vorstandsassistent eines börsennotierten Medienunternehmens und danach in einer E-Business-Unternehmensberatung. Nachdem ich dann einen Master for Business and Administration for European Management abgelegt habe, habe ich gemerkt, dass die Moral und Bedingungsethik der Businesswelt nicht mehr mit meiner Lebensphilosophie in Einklang zu bringen sind, und ich habe es deshalb vorgezogen, ein ehrliches und aufrichtiges Business selbst aufzuziehen.

Wie finanziert sich V.O.D.?

Durch ein gutes Verhältnis zu meinem Banker. Außerdem gibt es bei mir ja Mitglieder/Abonnenten, die alle Veröffentlichungen schon im Vorfeld zum Spezialpreis bekommen und so dabei helfen, dass alles planmäßig veröffentlicht werden kann.

Die VOD-Produktionen haben alle einen erstklassigen Klang. Wenn man bedenkt, aus welcher Zeit die meisten Aufnahmen stammen und von welchen billigen Kassetten, dann scheinst du viel Wert auf gutes Mastering, Studioarbeit und Restauration zu legen.

Ja, das ist mir sehr wichtig. Design und gute Qualität sind meine obersten Prämissen. Es geht schließlich immer darum, Mehrwerte zu schaffen und diese Mehrwerte auch vermitteln zu können. Und wenn ich international auch von Vertrieben immer wieder Anfragen bekomme, wo ich pressen lasse, dann werde ich darin bestätigt und bin auf dem richtigen Weg. Die Transformation von alten analogen Tapes, das Re-Mastern, die Veröffentlichung auf hochwertigem 180g-Vinyl mit exzellentem Design und schöner Optik ist sehr wichtig, denn es ist schon schwierig genug, eines von vielen Musiklabels in einer Nische zu sein.

Wie gehst du an die Bearbeitung der Musik heran?

Ich habe alle meiner 1.500 Tapes digitalisiert. Sobald ich die Freigabe eines Künstlers zur Veröffentlichung habe, werden diese bei Markus Aschenbrenner von Burnout bearbeitet und neu abgemischt. Dieser Prozess ist zwar komplex, da man ja auch die Ursprünglichkeit des musikalischen Outputs im Hinterkopf behalten muss, aber mittlerweile gelingt es hervorragend. Die Routine dafür ist da und das nötige Equipment im Studio vorhanden.

Wer ist für Layout und Gestaltung zuständig?

Es arbeiten zwei Designer für mich. Für die Berliner Acts Anja Koestler in Berlin vor Ort, für die Internationalen oder Non-Berliner sowie die TÖDLICHE DORIS-Releases ist es Tobias Czybulka aus Köln, in meinen Augen einer der besten Designer, den man für diese Zwecke haben kann, denn sein musikalischer Background ist auch aus dieser Ecke und deshalb versteht er sofort, um was es den Künstlern und mir geht.

Ist die endgültige Veröffentlichung ein Gesamtkunstwerk?

Ja. Denn es entsteht durch kreative und künstlerische Zusammenarbeit vieler Beteiligter und ich sehe dies als Kunst an. Aus musikalischer Kunst wird durch diese Transformation etwas Neues mit neuem Design und neuer Qualität, es entsteht neue Kunst. Es ist eine Kunst, die Musik zu machen, eine Kunst, das Material neu aufzubereiten, Kunst, ein LP-Design herzustellen, und Kunst, diese Musik dann auch der breiten Masse zugänglich zu machen.

Welche Auswahlkriterien gibt es für eine Veröffentlichung? Gibt es wieder nur die großen Namen oder Sachen, die durch tausende von bekloppten Suchlisten gehypet werden?

Mir sind die großen Namen und auch die auf den Suchlisten nicht wirklich wichtig. Mir geht es einfach nur darum, die Musik und Bands, die ich als kreativ und innovativ empfinde, zu veröffentlichen. Wenn die Musik eine Breitenwirkung auf eine gewisse Stilrichtung hatte oder ich einen „Aha-Effekt“ bekomme, dann ist sie bei mir gut aufgehoben. Ich will deshalb auch nicht unbedingt neues Material veröffentlichen, weil viel der ursprünglichen kreativen Kraft bei vielen Bands verloren geht. Die meisten Bands haben ihren Ursprung aber in der Tape-Szene und viele der Sachen waren fundamental wegweisend für die Band oder eine ganze Stilrichtung.

Wie reagieren die ehemaligen Bands/Musiker, wenn du sie auf eine Wiederveröffentlichung ansprichst?

Die meisten glauben es fast gar nicht, dass sich dafür noch jemand interessiert, sie freuen sich wahnsinnig und verstehen gleich, auf was ich hinaus will, und liefern ja dann auch gleich noch unveröffentlichtes Material. Es gibt nur ganz wenige, die skeptisch und kritisch reagieren, und die legt man dann wieder zurück in die Schublade, denn wer nicht will, der hat schon. Das Schönste daran ist, dass auch privat viele Freundschaften entstehen und man merkt, dass die auch nur Menschen sind, mit all den Schwächen, und überhaupt nicht abgehoben oder eingebildet sind.

Du sammelst ja auch Schallplatten beziehungsweise Tonträger. Wo liegen deine Hauptinteressengebiete?

Ich habe keines. Es ist eine Entwicklung, die jeder durchmacht. Ich verschließe mich keinen Genre, deswegen habe ich genauso viel Punk-und Indie-Platten wie Progressive-, Rock-, Free-Jazz-, Minimal-, Wave-, Gothic-, Industrial-, Noise-, Avantgarde- oder Techno/Electro-Platten. Es sollte auch kein Hauptinteresse geben, es sollte mich einfach nur emotional berühren. Und das kann eine THROBBING GRISTLE-Platte genauso wie eine DEAD KENNEDYS- oder eine DEAD CAN DANCE-Scheibe.

Hast du eigentlich auch Nena-, EXTRABREIT- und Hubert Kah-Platten? Sammelt man so etwas automatisch mit?

Natürlich sammelt man die mit, kriegt man ja auch günstig auf den Flohmärkten und sie hatten teils ja auch ihren Charme und wecken ja Erinnerungen an früher. Die hat man ja damals auch gekauft, nur hören tut man es nicht mehr, weil ja immer wieder Neues auf den Tisch kommt, was auch konsumiert werden will.

Was sind deine Lieblingsbands?

Ich habe keine Lieblingsbands, aber wenn es eine Band gibt, die mich beeinflusst hat, dann PSYCHIC TV und THROBBING GRISTLE. Mich interessieren sehr die Kultur und das, was die Bands mit ihrer Musik zum Ausdruck bringen wollten. Deswegen habe ich auch immer alle möglichen Infos wie Manifeste oder Bücher und Pamphlete gesammelt und durchgelesen.

Von welchen grotesken Formen beziehungsweise Auswüchsen dieser Leidenschaft kannst du uns berichten?

Wegen THROBBING GRISTLE-Sachen in die nächstbesten Flieger zu steigen und kilometerweit zu fliegen, um ein paar Hyper-Raris abzuholen. Mein ganzes Geld in Platten zu stecken und es im Sammelwahn auf 13.000 Schallplatten gebracht zu haben. Nicht gezählt die 4.000 auf dem Speicher, die vor sich hinschwitzen. Oder gemäß des „Temple ov Psychick Youth“ ein eigenes Bild aus Körpersekreten, Blut, Sperma und Spucke zu malen. Das war mir aber dann irgendwie doch bescheuert und ich hab es nur einmal versucht und nicht mal abgeschickt.

Du meinst die so genannten „Sigils“, das waren ja viel mehr als nur Bilder, das waren ja magische Rituale ...

Sigils, Runen, magische Rituale interessieren mich nicht, zumindest nicht mehr, seit sie in der Musik zur Kommunikation politischer Zwecke missbraucht wurden. Falls du auf das PSYCHIC TV-Kreuz ansprichst, das ist das Einzige, was ich noch verwende und das mir etwas bedeutet, denn der Einklang zwischen dem, was man wirklich ist, und dem, was man nach außen projiziert, ist für mich nach dem ganzen Karrierescheiß umso wichtiger geworden. Ehrlich sein und sich nicht verstellen ist eine wahre Tugend, und das ist eine der Bedeutungen des PTV-Kreuzes.

Warum sammelt man Schallplatten, die man eh nicht und nie alle hören kann?

Sucht. Zuviel ungenütztes Testosteron. Klassische Übersprunghandlung für unzufriedenes soziales Umfeld und Kontakte. Seit mir das Paula P. Orridge Anfang ’90 zum Thema „Genesis P. Orridge und sein Sammelwahn“ erzählt hat, bin ich nach Selbstbetrachtung und Reflexion der gleichen Meinung. Wenn ich in Beziehungen glücklich war, kam mein Sammel- und Jägertrieb nie so stark durch und auch das Bedürfnis, Sonntagmorgen auf einen Plattenflohmarkt oder eine Börse zu gehen, war unterdrückt. Wenn solo und frustriert, da keinen Partner, dann ging es wieder krass los mit dem Trophäensammeln. Sprich eine ganz klare Kompensationshandlung, ein Ersatz für sexuelle Frustriertheit.

Du verwendest ja deine Sammlung als Grundlage für eine Art Almanach als Nachschlagewerk, ähnlich der 1982 erschienen „Discography Of New Wave“. Irgendwann hast du mir mal geschrieben: „... ich sammele nicht nur alles, was es gibt, sondern auch noch Preise dazu!“. Erzähl uns mal etwas über dieses ehrgeizige Projekt. Eine Internetseite dazu gibt es ja schon ...

Ja, ich will irgendwann mal alles, was es in der Zeit gab, archiviert, fotografiert und digitalisiert haben, quasi ein Museum von mir aus auch digital. Meine Seite record-price-guide.org hat schon 100.000 Tonträger archiviert, man kann mit einem neuen Feature auch nach Bands suchen und sehen, für wie viel die Artikel bei eBay unter den Hammer gekommen sind. Jetzt beginnt aber der harte Part. Ich muss sämtliche 20.000 Bilder, die ich auf meinem Rechner habe, in der Datenbank mit den Artikeln verknüpfen, damit man dann eben auch gleich das Plattencover zur entsprechenden Platte sieht. Magazine habe ich auch schon angefangen einzuscannen. Das Ganze sollte auch irgendwann mal als Almanach in Buchform erscheinen. Nur mit dem Buch hadere ich noch wegen der Urheberrechtsproblematik bei der Verwendung von Plattencovern. Da ist es im Netz einfacher, ein Bild kurz mal rauszulöschen, wenn es dem Urheber nicht passt. Aber ob Internetseite, Buch oder Museum, alles ist in der Mache und ich verbringe so viel Zeit wie möglich damit, alles zu archivieren und digitalisieren.

Wie ist deine Liebe gerade zu Kassetten entstanden?

Man hat ja immer wieder Sammlungen gekauft und da waren dann immer diese lästigen Kassetten dabei. Zunächst unbeachtet, doch irgendwann habe ich angefangen, die Teile mal durch zu spulen und festgestellt, dass teilweise unbekannte unglaubliche Hammerstücke auf den Compilations oder den alten Tapes von Bands waren, die man nicht wirklich kannte und die nicht auf den Vinyl zu finden waren. Ich habe dann circa sechs Monate intensiv damit verbracht, immer wieder die Kassetten durchzuhören und nach guten Beiträgen zu suchen. Das war wohl auch wieder ein Sammler- und Jägertrieb, denn heute würde ich mir den Stress wohl nicht mehr machen, denn mit dem Recording-Studio geht das einfacher, der spielt mit acht Kassettendecks gleichzeitig die Musik in den PC und brennt mir dann die CDs, da kann man bedeutend einfacher durchsuchen.

Du planst ja auch ein „Museum für Tape-Kultur“. Wie soll das aussehen, und gibt es da schon konkrete Pläne?

Es gibt noch keine konkreten Pläne, ich weiß nur, dass es meine Bestimmung ist, denn selbst wenn ich wollte, könnte ich in meinem Leben gar nicht mehr alles verkaufen, was ich mittlerweile besitze. Plattformen wie discogs.com oder record-price-guide.org sind schon digitale Museen, das Buch dazu wird das Museum in Printform und das richtige Museum wird es irgendwann auch geben, zum Anfassen und audiovisuellen Erleben. Denn schließlich gibt es ja schon fast alles digital – Tapes wie Videos – bei mir auf den Festplatten oder den CDs/DVDs, und die Originaltapes lagern ja hier schön in einem Spezialraum.

Ein Buch über die Kassetten-Kultur ist dann doch unvermeidbar ...

Ist wie gesagt in Arbeit. Ich habe hierfür schon 2.000 Scans zu Tapes und 20.000 Scans/Bilder zu Plattencovers gemacht sowie 3.500 Tapes archiviert und circa 100.000 Tonträger.

Wie funktioniert V.O.D. als Club?

Jemand, der sich interessiert, schreibt mir eine Mail und er bekommt vier Mal im Jahr ein Zwei-Kilo-Päckchen mit den neuen Sachen zugesandt. Zahlen kann er dann in Raten. Er bekommt dann eigentlich alle Platten zum Vertriebspreis – sprich 20-25% billiger – und er kann sich sogar neben der ganzen speziellen Features, wie Club-Mitgliedskarte, eigene Nummer, spezielle, teils signierte Beilagen und Zusatzplatten, eine Gratis-Bonusplatte aussuchen. Diese Platten bekomme ich in der Regel direkt von den Künstlern, die immer noch zu Hause oder im Keller Restbestände hatten, die aber heutzutage schon sehr teuer gehandelt werden, weil sie rar sind und sie jeder sucht.

V.O.D. ist ein elitärer und exklusiver Klub von verwirrten Sammlern, denen man alles verkaufen kann – richtig oder falsch?

Das sind eben nicht verwirrte Sammler. Verwirrte Sammler kaufen sich für Hunderte von Euros irgendwelche Originalscheiben, die sie nur von Suchlisten kennen und die sie sich dann ins Regal stellen. Die Leute, die meine Platten kaufen, hören die Musik und geben auch immer Feedback. Elitär ist das Ganze schon gar nicht. Dann müsste ich die Mitgliedschaft auf zwanzig beschränken. Bei mir kann aber jeder Mitglied werden, das ganze Jahr über. Etwas, was jedem freigestellt ist, kann schlecht elitär sein. Und alles kann man denen bestimmt nicht verkaufen. Deswegen schreibe ich am Anfang des Jahres den Mitgliedern eine Mail und lasse sie demokratisch über den Veröffentlichungsplan abstimmen. Und die zwölf Veröffentlichungen, die die meisten Stimmen erhalten, kommen auch rein. Vinyl On Demand halt.

„Limited Editions“? Wie sehen denn die Verkaufszahlen aus, oder ist das nur eine szenetypische Marketingstrategie?

Ich denke, „Limited Editions“ ist eine Marketingstrategie. Ich mache nicht 500, weil es cool sein soll oder rar, sondern weil ich denke, dass 500 bedarfsgerecht die Nachfrage decken, und die, die es nach zwölf Monaten versäumt haben, eine Platte zu kaufen, sollen dann halt ruhig mal mehr bezahlen müssen, wenn die Begehrlichkeit steigt und es wirklich ausverkauft ist. Ansonsten glaube ich, dass nie irgendetwas extra limitiert erscheint, sondern immer bedarfsgerecht und nachfrageorientiert oder wie bei manchen Bands rein aus Profit, denn manche Sachen kommen dann in 50er-Auflage und werden für das Zehnfache verkauft, was ich nicht gut finde! Denn man will doch eigentlich, dass die Musik gehört wird und nicht immer nur einen Kult um sich machen.

Du lockst Mitglieder ja mit speziellen Veröffentlichungen, die eigentlich sofort wieder zu Sammelobjekten werden.

Na ja, ich versuche einfach nur wieder Mehrwerte anzubieten, was die Sammlerherzen höher schlagen lässt. Denn das Rückgrat sind nun mal die Mitglieder, die mir alle Veröffentlichungen abkaufen und mich finanziell somit sehr unterstützen, vor allem, wenn sie schon im Vorfeld bezahlen. Deswegen verdienen sie es auch. Ich würde ja auch gerne nur an eine kleine „Community“ von interessierten Menschen weltweit liefern, wenn das gehen würde. Denn manchmal ist es mit den Vertrieben und deren Konditionen schon hart und es macht einfach viel mehr Spaß, wenn man sich mit den Mitgliedern austauschen kann. Mein Ziel ist es deswegen, 500 Mitglieder zu finden, die mein Projekt schätzen.

Ganz speziell ist ja „Service Individual Vinyl On Demand“. Was steckt dahinter?

Die Idee ist sehr einfach. Es gibt sehr viele gute Tapes, die aber in dieser Nische in einer 500er-Auflage nie die Produktionskosten einspielen könnten, da sie nur ein sehr spezielles Publikum erreichen. Ich biete jedoch den Service an, sich „on demand“ eine Vinylplatte von einem Tape schneiden zu lassen, wenn ich dieses im Programm habe und von dem Künstler hierfür die Erlaubnis bekommen habe. Die Produktion ist recht teuer und nur etwas für wahre Sammler, die seit ewigen Zeiten ein bestimmtes Tape einer Band suchen, es nicht bekommen und sich dann bei Vinyl On Demand eine Platte davon schneiden lassen. Je mehr ich von den Künstlern die Freigabe bekomme, umso mehr kann ich so anbieten, und da haben wir das eigentliche Vinyl On Demand!

Soweit ich weiß, kann man diese „Dubplates“ nicht ewig abspielen, da sie zu weich sind und die Qualität immer weiter schlechter wird. Das ist dann doch nicht der Sinn der Sache, oder?

Ich lasse bei den Individual-VODs auch keine Dubplates produzieren, sondern echtes Vinyl, das realtime mit einem Diamanten und einem fetten Verstärker mit Vakuumstaubsauger für die Frässpane geschnitten wird. Das sind echte Vinylschallplatten aus echtem Vinylmaterial.

Warum Vinyl und nicht CD? Von der Spielzeitlänge und Handhabung wäre die CD ja wesentlich geeigneter für reine Wiederveröffentlichungen. Mit DVDs will ich ja gar nicht erst anfangen, das wäre doch für zusätzliches Bildmaterial und Infos ideal ...

Auf CDs kann ich keine Mehrwerte abbilden, so wie ich es mir wünsche. Das Medium ist überholt und dient nur noch als Datenspeicher, wenn ich mir etwas brennen will, von mir aus auch Musik von Downloadplattformen wie iTunes. Worin besteht der Sinn, sich eine CD für 15 Euro zu kaufen, die bei mir weder für Emotion, noch Haptik, noch für Erregung beim Ritual des Auflegens sorgt? Das alles kann aber das Vinyl, wenn es schön mit Cover aufgemacht ist. Da klingt die Musik dann noch mal besser. DVD ist auch ein großes Thema, das will ich verstärkt angehen. Es laufen schon einige Projekte an, die ich neben dem „Festival Genialer Dilettanten“ von 1981 auch auf DVD veröffentlichen will. Es gibt eine Unmenge an hervorragenden Videocassetten, die es wieder zu veröffentlichen lohnt. Hierfür bin ich auch gerade dabei, alles zu digitalisieren und dann zu sichten.

Du beschäftigst dich ja ausschließlich mit NDW-Wiederveröffentlichungen. Wie groß ist das internationale Interesse an VOD?

Was ist „groß“? „What is heavy when you’re weak ...“? Ich denke, die 500er-Auflagen sind genau adäquat, um die meisten meiner Platten nach 12 bis 24 Monaten ausverkauft zu haben. International ist das Thema „NDW und Minimalelektronik“ ein tolles und spannendes Topic. Ob Amerika oder Japan, die Nachfrage ist generell überall gleich verteilt.

Neben VOD als reines Wiederveröffentlichungslabel gibt es ja jetzt auch noch mit Pripuzzi Records ein Sublabel, das Neuware veröffentlicht.

Ja, mit erstmal zwei Veröffentlichungen. Einmal ein Remixalbum der WELTKLANG/EXILSYSTEM-LP mit Remixen von bekannten DJs und des finnischen Elektrokünstlers Monoder. Diese werde ich dann auch über den herkömmlichen Vertriebsmarkt – über Hausmusik – anbieten und mal schauen, wie so etwas im Markt akzeptiert wird. Meine Distribution läuft ja im Moment autark von exklusiven Großvertrieben, da sich bei meinen Herstellungskosten eine Integration in den herkömmlichen Handel nicht realisieren lässt. So viele Akteure wollen an einem Vinylexemplar mitverdienen, so dass ein Großhandel eigentlich nicht mehr als drei Euro für eine 12“/LP bezahlen kann, das ist aber gerade mal ein Drittel mancher Produktionskosten für eine LP bei mir mit Hartprägecover, Innersleeve, Bonus und 180gr-Vinyl ...

Wie hast du die NDW-Zeit erlebt?

Als 10- bis 13-Jähriger mit kommerziellen Radiostationen wie SWR 3 und Bands wie Nena, BAP, Peter Schilling. 1985 bin ich nachts aufgewacht und im Radio lief noch der Schweizer Sender DRS 3, der damals richtig gute Musik gespielt hat. Da habe ich EINSTÜRZENDE NEUBAUTEN gehört und ich denke, ab da ging es dann los und ich habe begonnen, mich mit der wahren NDW zu beschäftigen und nicht mit dem vorgesetzten Kommerz, den man über die meisten Medien geboten bekommen hat.

Hast du auch selbst Musik gemacht?

Ich habe es mal mit einer Orgel versucht, aber das war ein Griff ins Klo. Ich hätte mich doch für den Synthie entscheiden sollen, vielleicht hätte das in irgendetwas Konstruktivem geendet.

Was ist eigentlich so faszinierend an diesem Mythos NDW?

Er ist genauso faszinierend wie der Mythos Krautrock. Deutschland war schon immer ein Schmelztiegel von Kreativität und Innovation. Was sich durch industriellen und kulturellen Erfindungsreichtum in den letzten Jahrhunderten widerspiegelt, spiegelt sich auch in der Musik und Kunst wider. Ob Klassik, Moderne oder deutscher Progressive/Krautrock oder eben NDW und Deutschpunk. Die Deutschen sind, oder waren zumindest, ein kreatives Volk und das Erforschen dieses Kulturgutes ist spannend. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob das mit der Amerikanisierung der Verhältnisse und der gesellschaftlichen Bedingungen noch in Zukunft fortgesetzt werden kann. Vielleicht ist es ja gerade deshalb faszinierend, weil man vielleicht Angst haben muss, dass diese Kreativität zumindest in der Musik nicht mehr so schnell zurückkommt.

Deine persönlichen Top Ten?

Es gibt so viele Platten und die Frage wird mir oft gestellt. Das kommt immer auf die Betrachtung an, aber es gibt Platten, die wohl immer eine riesige Bedeutung und einen Einfluss auf mein Leben und meine Philosophie gehabt haben, und das sind dann wohl die Scheiben, die ich am meisten gehört habe.
1.) RAIN: „La vache qui rit“. Ich vestehe nicht viel von Emocore, aber die Platte hat mich emotional so mitgenommen, dass ich immer noch Gänsehaut dabei bekomme!
2.) ROLLINS BAND: „Hard Volume“. Ich wollte mal sein wie er, habe dann trainiert wie Sau und sah irgendwann wie Glenn Danzig aus. Ich habe auch mal ein intensives Gespräch mit ihm gehabt, weil er einiges zu sagen hat und das für mich persönlich perfekt in Musik umsetzten konnte und ich mich sehr mit seinen Texten beschäftigt habe. Jetzt sehe ich nicht mehr so aus und ich will auch nicht mehr wie Henry sein.
3.) THROBBING GRISTLE: „24 Hour Live Box-Set“. Das habe ich während meiner Uni-Zeit immer zum Einschlafen gehört, zumindest hat es mich durchs Studium gebracht.
4.) BLUMFELD: „L’etat et moi“. Deutsch, erschienen auf Alfreds ZickZack/WSFA-Label, hochwertige und intelligente Texte. Und „Verstärker“ wird wohl für immer und ewig eine meiner Lieblingsnummern bleiben
5.) NINE INCH NAILS: „Pretty Hate Machine“. Das habe ich immer gehört, wenn Freundinnen mit mir Schluss gemacht haben oder machen wollten, und dann gleich zehnmal hintereinander, also habe ich sie mindestens hundert Mal gehört.
6.) SUNDAYS READING: „Writing And Arithmetic“. Macht einfach nur gute Laune und ist blendend für einen schönen Abend zu zweit.
7.) SWANS: „Children Of God“. Die habe ich eine zeitlang jeden Tag aufgelegt, hat wohl damals zu meinem Weltbild gepasst: düster, depressiv, nihilistisch, Nietzsche-lastig.
8.) SIOUXSIE AND THE BANSHEES: „Peep-Show“. Die legendärste (Dark) Wave-Scheibe
9.) SOFT CELL: „Non Stop Erotic Dancing“. Hängematte, gute Laune, Urlaub und Cocktails.
10.) Jede Menge 4AD-Sachen. Definitiv mein Lieblingslabel mit Bands wie DEAD CAN DANCE, THIS MORTAL COIL und COCTEAU TWINS.

Deine fünf teuersten, nutzlosesten und puren Sammlerstücke, die im Schrank zustauben und eigentlich niemand braucht?

Die habe ich zum Glück alle verkauft, damit ich das finanzielle Fundament für das Label habe. Ich will hier auch niemand zu nahe treten.

Ach komm. Die Frage mit den teuersten und nutzlosesten Platten muss jetzt einfach mal beantwortet werden. Ganz unverbindlich. Zum Spaß!?

Was ist denn nutzlos? Wenn ich mir eine sackteure Platte kaufe und mir nach Erhalt einen runterhole, ist es doch egal, ob sie 500 Euro oder mehr gekostet hat, denn sie hatte zumindest kurzfristig einen Nutzen. Von der Sorte Platten gibt es ja genug. Vor allem dann, wenn es sie auch als billigere Wiederveröffentlichung gibt. Jede Platte, für die ich viel Geld bezahle und deren Material ich aber auf einem billigeren Medium haben kann, ist doch, außer der Befriedigung des Sammler-und-Jäger-Syndroms sowie der kurzfristigen hormonellen Stimulierung und Ejakulation, rational betrachtet nutzlos. Es sei denn man glaubt, dass man sie irgendwann wieder noch teurer verkaufen kann. Wie oben erwähnt, ist THROBBING GRISTLE meine absolute Lieblingsband. Ich habe mir den Original-Koffer mit den Kassetten für über 1.000 Euro gekauft und jetzt steht er im Schlafzimmer rum und ich höre ihn nicht mehr. Nutzlos, aber ich finde es geil, das Teil zu haben.

Was sagt denn deine Frau zu deiner Leidenschaft?

Meine Geschichten hört sie sich gerne an, aber wenn ihr es zuviel wird, schaltet sie die Anlage ab. Sie findet es auf jedem Fall toll, dass ich eine Leidenschaft und ein Hobby habe, da kann sie dann in Ruhe nach der Arbeit ein Buch lesen.

Wird es vielleicht noch ein Unterlabel geben, das richtige Kassetten veröffentlicht? Das wäre doch sehr kultig ...

Nein, wird es nicht, die Kassette ist ein vergängliches Medium, deshalb habe ich auch alle Kassetten digitalisiert und auf Festplatten gespeichert, denn wenn sich keiner darum kümmert, wird das Material irgendwann mal nicht mehr in guter Qualität zur Verfügung stehen, und da es viel zu viel gutes Material damals gab, wäre dies schade. Ich will ja mit dem Label etwas Bleibendes schaffen und institutionalisieren und die Vinylplatte ist, wenn gut gepflegt, ein Medium, das alle Zeiten überlebt. Auch mich.

Wie wichtig ist das Internet für VOD?

Sehr wichtig. Mit dem Internet kann man sehr viele Menschen erreichen, und mit dieser Plattform können Interessierte auch mich aktiv erreichen. Das Internet und seine digitalen Möglichkeiten helfen mir immens beim Aufbau meines kleinen Mikrokosmos’ zur Verbreitung eines analogen Mediums.

Gibt es eine Zusammenarbeit oder Austausch mit den anderen NDW-/Wiederveröffentlichungslabels wie Kernkrach, W.S.D.P. oder NLW?

Natürlich gibt es diese, denn kleine Labels müssen zusammenhalten. In einer solch kleinen Szene ist es selbstverständlich, dass man seine Ideen, Konzepte und Vorstellungen austauscht, bevor es unnötigerweise zu dummen Überschneidungen und Missverständnissen kommt, denn irgendwie fischen wir ja alle im gleichen Teich, nur mit unterschiedlichen Angeln, und manche Fische schmeißt der eine wieder ins Wasser. Was dem einen zu groß ist, ist dem anderen wieder zu klein. Vor allem mit Frank Herges von Was Soll Das-Platten habe ich einen regen und optimierten Informationsaustausch. Wenn wir nicht soweit auseinander wohnen würden, würden wir uns bestimmt auch oft auf ein, zwei Bier treffen.

Was bringt der Blick zurück auf die NDW-Zeit für die Musik der Zukunft?

Das sieht man doch jetzt schon. Die Major-Musikindustrie verwertet die schönen Melodien und tollen Konzepte, macht aber leider immer noch hauptsächlich irgendwelche stumpfen Coverversionen, Remakes oder Remixes. Zum Glück gibt es aber auch Bands wie MIA, STEREO TOTAL oder 2RAUMWOHNUNG, die das Innovationspotenzial und die Kreativität dieser Musik von damals aufnehmen und wirklich nette Sachen produzieren, unabhängig davon, ob es in der ein oder anderen Form schon verwendet wurde. Ich hoffe, dass sich viele Musiker gute Ideen aus der Musik von damals holen und es mit neuen, instrumentalen sowie elektronischen Möglichkeiten in neue Konzepte umwandeln. Das kreative Potenzial steckt bestimmt in Vielen und rein technisch kann man ja jetzt auch mehr aus den Ideen herausholen. Früher mussten die Bands sich ja gegenseitig die Geräte hin und her schieben, um etwas zu produzieren. Heute reichen ja schon oft ein Computer und die entsprechende Software und man kann all das produzieren, wovon die Leute Anfang ’80 noch geträumt haben und nie das Geld dafür hatten. Ich sehe deswegen musikalisch in eine positive Zukunft, wenn sie auch an die Vergangenheit denken und genau in sie hinein schauen. Gemäß dem auch von PSYCHIC TV verwendeten Zitat: „Those who do not remember the past are condemned to repeat it!“.

Was können die neuen deutschsprachigen Bands aus den Fehlern der NDW-Bands lernen?

Das Problem sind doch das System, die Rahmenbedingungen und nicht die Fehler einzelner Bands. Heute wie früher wurden kreative Konzepte von oben herab durch Leute in Führungspositionen massenkompatibel gemacht, von Managern, die glaubten, Seichtes und Leichtes ohne Anspruch ließe sich besser verkaufen. Aus der hervorragenden NDW entstand dann ein Klimperkasten mit den dümmsten Texten und den einfachsten Melodien, und die NDW war gestorben. So lange die komplette Wertschöpfungskette von A&R über Produktion und Vertrieb/Verkauf inklusive Werbung nach diesem Muster läuft, kann sich nichts ändern, weder für die deutschsprachige noch für die internationale Musik. Auch wenn ich langsam das Gefühl habe, dass sie dazu gelernt haben, denn der Erfolg von 2RAUMWOHNUNG, STERO TOTAL, MIA oder WIR SIND HELDEN stimmt mich wieder zuversichtlicher für die deutsche Musik. Kurzfristige Gewinnmaximierung durch Abschöpfung in einer bestimmten Zielgruppe ist der falsche Weg, denn der Aufbau von langfristigen Stars wurde vernachlässigt. Viele Zielgruppen, die eigentlich die stärkste Kaufkraft haben – Leute ab 30 bis 50 –, wurden für den Teenie-Fraß geopfert, denn nur auf diese Zielgruppe hat man sich konzentriert. Das hat auch kulturell erhebliche Auswirkungen, denn wenn die entsprechenden Medien fehlen oder schwer auffindbar sind, um sich selbst ein klares Bild von der Musikvielfalt zu machen, sondern man größtenteils nur 08/15-Müll vorgesetzt bekommt, ist abzusehen, dass sich die Jugend überhaupt nicht mehr für Musik und deren Inhalte mit Aussagekraft interessiert, denn alles wird austauschbar und gleichgültig, niemand will etwas vermitteln und zum Ausdruck bringen. Alles wird wertlos. Früher gab es noch den guten, alten Plattenladen, der mir Sachen empfohlen und mich zu guten Bands hingeführt hat, jedes neue Album wurde darauf hin gekauft. Deswegen klare Empfehlung: Bleibt so, wie ihr seid, und lasst euch nicht in ein Muster/Raster zwängen, die Zeit wird euch Recht geben und bestimmt nicht die musikalische Prostitution zur kurzfristigen Gewinnmaximierung!

Carsten Vollmer
www.vinyl-on-demand.com