Freitag, Dezember 03, 2010

Sexualität ist eine gefährliche Sache







Existenzphilosoph, Krachkaiser, Sexguru und Hermaphrodit: Genesis P-Orridge, 1950 unter dem Namen Neil Andrew Magson in Manchester geboren, bewährt sich seit fast vierzig Jahren als Gestaltwandler und Provokateur. Mit seiner Performancegruppe COUM Transmissions trieb er die öffentliche Präsentation ungewöhnlicher Sexpraktiken in unerforschte Regionen voran, mit der daraus hervorgegangenen Band Throbbing Gristle erfand er die Industrial-Musik: ohrenbetäubender Synthesizerlärm, der sittlich verwirrende Botschaften vermittelte. In den Achtzigerjahren gründete P-Orridge den Temple ov Pychick Youth und versuchte mit glamourösen Gruppensexorgien, der spirituellen Erleuchtung näher zu kommen. Seit Anfang der Neunzigerjahre lässt er sich mit Implantaten und Hormontherapien zum Zwitter umgestalten; die Philosophie der „Pandrogynität" ist auch das Thema des neuen Albums „Hell Is Invisible... Heaven Is Her/e" (Sweet Nothing/Cargo), das er mit seiner in den Achtzigerjahren ursprünglich mit Marc Almond und dem späteren Current-93-Sänger David Tibet gegründeten Band Psychic TV herausgebracht hat. Nach fast 25 Jahren Pause tritt P-Orridge aber auch wieder mit seinen alten Freunden Chris Carter, Cosey Fanni Tutti und Peter „Sleazy" Christopherson von Throbbing Gristle auf. Im Frühjahr hat das Quartett ein neues Album herausgebracht, „Part'Iiwo" (Mute/EMI), und soeben bei einer dreitägigen Session im Londoner Institute of Contemporary Art mit den Aufnahmen zu einer weiteren Platte begonnen:

„Desertshore~widmet sich dem Gedenken an die Sängerin Nico und ihr gleichnamiges Album.
~ 4> >

Ihre Konzerte sind wahnsinnig laut; lauter als die meisten, die man heute sonst l}ört...

... oh ja, ich liebe laute Musik! Wenn ich laute Musik höre, ist mein
ganzer Körper erregt, alle meine Nerven! Ich weiß noch, wie ich in den 60ern zu meinen ersten PinkFloyd-Konzerten ging ... das war laut, wow! Sie haben ihre eigenen Verstärkeranlagen gebaut, um lauter zu sein als der Rest. Das Gleiche haben wir mit Throbbing Gristle dann auch gemacht.

Sie sind von Haus aus ein Hippie. Ihre ersten künstlerischen Arbeiten sind in einer Kommune entstanden.

Das war die „Exploding Galaxy"Gruppe ... da bin ich hin, nachdem ich Ende der Sechziger das Studium geschmissen hatte. Die ExplodingGalaxy-Leute lebten in einem Haus in London, das war ein tolles Haus! Von außen völlig unscheinbar, ein ganz normales Vororthaus. Aber drinnen: keine Wände! Vor dem Klo: keine Wände. Ums Bad herum: keine Wände. Wenn man auf Toilette ging oder baden wollte, befand man sich in der Mitte dieses einen riesigen Raumes, und alle anderen konnten dir zugucken. Alles war öffentlich. Es gab keine Privatsphäre.

Und das fanden Sie toll?

Oh ja! Das war großartig! Und es war so streng! Jede Nacht hast du an einem anderen Ort in dem Haus geschlafen, alles was wir hatten, waren Schlafsäcke, mit denen wir herumgezogen sind. Wir haben auf dem Dach geschlafen, im Klo, in den Baugerüsten ums Haus herum. Regelmäßige Schlafzeiten waren nicht erlaubt, der Ritus der Schlafzeiten sollte gebrochen werden. Alle Riten und Gewohnheiten. Es ging um die totale Dekonditionierung.

Da müssen Sie immer verdammt müde gewesen sein.

Es gab Leute, die hatten einen totalen Nervenzusammenbruch. Aber ich fand das wunderbar, ich komme bis heute mit drei Stunden Schlaf aus. Und die Erfahrungen, die ich damals gemacht habe, haben mein Leben verändert und meine gesamte Kunst vorbestimmt. Damals habe ich begonnen, mich mit den Konzepten des Charakters und der Identität auseinander zu setzen. Beides sind fiktive Konzepte: Konstruktionen, die fremden Interessen dienen, den Interessen der Familie, der El~ern, der Gesellschaft. All diese Institutionen haben genaue Vorstellungen davon, wie du sein sollst, was du zu werden hast. Aber wenn du wissen willst, wer du wirklich
bist: dann musst du diese ganzen Vorstellungen löschen, du musst aufhören, dich fremden Wünschen zu unterwerfen.

Mit der Performancegruppe COUM Transmissions haben Sie dann öffentlich analkopuliert und blutige Tampons gegessen, a_ber auch mit _ Scheidenflüssigkeit eingeriebeneMaden. Woher kam diese Neigung, die Leute zu schocken?

Ich wollte nie irgendjemanden schocken; bei diesen Aktionen ging es vor allem darum, das eigene Selbst zu erkunden. Es gab viele Situationen, wo ich tagträumend herumsaß und mich zum Beispiel fragte: Wieso bereitet es mir eigentlich Probleme, öffentlich zu masturbieren - wo es mir doch überhaupt keine Probleme bereitet, einen Badeanzug zu tragen oder zu Hause heimlich zu masturbie
ren? Warum ist Nackt- ~• heit anders, wenn andere Leute zugegen sind? Ich wollte wissen, was die echten Grenzen sind - und was die Grenzen sind, die uns kulturell aufgeprägt wurden.

Sie hatten einen Haufen Schlagzeilen in der Boulevardpresse.

„Der böseste Mann `
in Großbritannien", „Zerstörer der Zivilisation"... am Interessantesten an dieser Kampagne war, dass sie kurz vor der noch viel größeren Kampagne gegen die Sex Pistols kam. Im nachhinein sieht es so aus, als hätten sie bei uns geübt. Und als die
Sex Pistols dann den „Alle A Hass und die ganze Medienhetze abbekamen, war ich offen gestanden ein wenig erleichtert, es hat uns den Raum verschafft, den wir brauchten, um uns neu zu besinnen.

Das war die Zeit, in der sich COUM Transmissions in Throbbing Gristle verwandelten.

Die Arbeit mit der Band war die logische Fortsetzung von COUM Transmissions. Wir wollten wissen, wie Sounds auf den Körper wirken, wir lasen viel Fachliteratur über sonische Kriegsführung und die Manipulation des Unbewussten durch Sound. Throbbing Gristle waren wahrscheinlich die erste Band, die systematisch mit Sampling-Techniken arbeitete, wir benutzten CutUp-Tapes und Tape Recorder. Wir interessierten uns für afrikanische und asiatische Musik; für Musik, die Trance-Zustände erzeugte; und es
gab auch Theorien, die sagten, dass man mit bestimmten Arten von Sounds Chemikalien im Gehirn freisetzen kann, die ähnliche Wirkungen haben wie LSD.

Und das funktioniert? -

Unser Publikum war oft in Eksta
se, und es In London 'erzählte mir ein Mädchen, sie habe davon einen Orgasmus bekommen.
Daran versuchen sich viele Männer mit ihrem Penis vergeblich.

Ja, faszinierend, oder?
Um Throbbing Gristle haben Sie dann eine Art paramilitärischen Kultus gegründet. Sie schmückten sich mit einem Faschisten-Symbol,
Lten sollten gebrochen werden. Es ging

trugen Camouflage-Kleidung und erweiterten das Angebot ihres Schallplattenversandes um Waffen und militärisches Gerät.

Unser Vorbild war David Bowie; er hatte diesen enormen Einfluss auf seine Fans, er war geradezu ein Guru für sie, aber beteuerte immer, dass er von seiner Macht keinen Gebrauch machen wolle. Wir waren da anders, wir wollten gerne Macht haben, um sie zu gebrauchen. Wir sa hen das Ganze als soziales Experiment. Kann man diese Art von Enthusiasmus, den Pop-Idole erzeugen, bündeln und dirigieren?

Deswegen fingen Sie an, 'in Uniformen aufzutreten.

Wir wollten wissen, ob das Publikum mitmacht. Wenn sehr viele Menschen in der gleichen Kleidung
auftreten, erzeugt das immer einen machtvollen Eindruck, darum ist das ja auch eine visuelle Strategie, deren sich totalitäre Regierungen so gerne bedienen. Diese ganzen Ideen kamen übrigens nicht von mir, sondern von Monte Caza7za, einem sehr guten Freund und gro„Qe.n,KÜnstle.r,~r aurh RPn NRrrien unseres Labels erfunden hat: „Industrial Records".

Nach dem Ende von Throbbing Gristle 1981 haben sie um ihre neue Band Psychic TV eine Art okkulter Sekte aufgebaut, den Temple ov Psychick Youth. Einerseits betonen Sie immer wieder, wie wichtig das Prinzip der Dekonditionierung für Sie ist, das Brechen von Gewohnheiten, die Befreiung von vorgegebenen Le
nn die totale Dekonditionierung." bensmustern. Andererseits sind Sie in den Achtzigerjahren vor allem als
Prediger und Guru aufgetreten, als Magier und Verkünder metaphysischer Lehren.
Sie haben mich vorhin gefragt, ob soziale Gruppierungen Riten brauchen. Ich glaube: Ja. Riten sind nur dann eine Gefahr, wenn sie verdinglicht werden, zum Dogma versteinern; wenn sie dich daran hindern, selber zu denken. Riten sollten, wie alles im Leben, immer wieder überprüft und modifiziert werden. Wenn sich die Umstände verändern - und Umstände verändern sich ständig -, muss man auch die Riten verändern. Ordnung ist gut, so lange man sie jederzeit wieder umstoßen kann; so lange man sie nicht dazu braucht, um sich sicher zu fühlen.

Aber wenn man eine Religion etabliert, einen Kult gründet oder - wie Sie es getan haben - einen„ Tempel ", dann erhebt man doch immer den Anspruch, letztgültige Wahrheiten zu verkünden.

Nein, in meinen Projekten ist das'n=Pr.anders gewesen..l3a.ha-: ben die Menschen ihre eigenen Riten zu Hause gepflegt, und wer mitmachen wollte, konnte mitmachen; aber man konnte die Riten auch zurückweisen oder den eigenen Bedürfnissen entsprechend verändern. Im Temple ov Psychick Youth hat es keine Mitglieder gegeben. Alle waren miteinander verbunden, aber es gab keine Hierarchie.

Woher kam das Interesse an der Magie und am Okkulten?

Oh, schon viele Aktionen 'von COUM Transmissions sind magischen Prinzipien gefolgt, wir haben die Magie der Himmelsrichtungen benutzt und die magischen Kräfte des Orgasmus zentriert... das gesamte Konzept der Dekonditionierung, der Reinigung und Öffnung des Geistes, beruht auf magischen Prinzipien. Magie ist ja nichts anderes als ein Theater, das man benutzt, um sein Bewusstsein zu ändern.

Was ist denn Ihr aktuel: ler Lieblingskult?

Ich mag keine Kulte, wirklich nicht ...
... dann sagen wir mal: Ihr Lieblingssystem der Metaphysik?
Wenn ich mir eines aussuchen müsste, würde ich den Buddhismus wählen. Ich habe ihn Ende derAchtzigerjahre in einem Kloster in Schottland studiert, und 1991 bin ich dann auf Empfehlung der dortigen Mönche nach Nepal gegangen. In Nepal habe ich auch die Nachricht bekommen; dass Scotland Yard mein Haus durchsucht hatte und ich nicht mehr nach Großbritannien zurückkehren konnte, weil man drohte, mich ins Gefängnis zu werfen.

Was war der Grundfür die Durchsuchungen?

Oh, es hat so viele Gerüchte über den Tempel gegeben, aber vor allem wollte der Staat die Ausbreitung von Piercings und Tätowierungen eindämmen.

Stimmt es, dass Psychic TV und der Tempel das Piercen in die Popkultur eingeführt haben?

Nein, das war mein Freund Mr. Sebastian. Der hatte ein Piercing-&Tattoo Studio in London, und ich war der erste Heterosexuelle, den er jemals gepierct hat. Das war Anfang der Achtzigerjahre, zu der Zeit befand sich der Tempel gerade in Gründung. Ich habe in meinen Newslettern immer wieder das Piercen gepriesen, und wenn sich Leute dafür interessierten, habe ich sie zu Mr. Sebastian geschickt. 1991 hat die Londoner Polizei seinen Laden geschlossen und alle seine Fotoalben beschlagnahmt, sein ganzes Lebenswerk. Und seine Adresskarteien, woraufhin sie auch die Wohnungen seiner Kunden durchsucht haben. Mr. Sebastian wurde vor Gericht gestellt: im Old Bailey's, da, wo sie sonst die schlimmsten Mörder und Verbrecher verurteilen.

Was hat man ihm vorgeworfen?

Schwere Körperverletzung, weil er Löcher in die Haut seiner Kunden gemacht hat. Er bekam drei Jahre auf Bewährung, und einer seiner Freunde bekam vier Jahre ohne Bewährung.
Was hatte der getan? Eine Vorhaut gepierct.
Heute findet man kaum noch einen 16-Jährigen, bei dem die Vorhaut nicht gepierct ist.
Damals haben sie versucht, das mit allen Mitteln zu unterdrücken. Sexualität ist eine gefährliche Sache

Sie sind dann in die USA emigriert Y1nd haben dortAnfanky der Neunziger jahre angefangen, ihren Körper'umzubauen und allmählich Ihr Geschlecht zu verändern.
Als ich Lady Jay getroffen habe - die Frau, mit der ich jetzt seit zehn Jahren verheiratet bin -, haben wir beide sehr lange über Identitäten gesprochen,und`darüber, dass wir etwas anderes werden wollen als die Individuen. als die man uns kennt. Und aus diesen Gesprächen ging die Idee hervor, Eins zu werden, unsere beiden Geschlechter zu vereinen. einen. Wir nennen das Pandrogynität: eine neue Stufe in der menschlichen Selbsterschaffung und damit der Evolution der Menschheit.

Mit welchen Mitteln haben Sie Ihre beiden Körper verändert?

Vor allem mit kosmetischer Chirurgie. Ich habe mir Implantate in die Wangen machen lassen, sie hat Implantate im Kinn. Sie hat sich ihre Augen operieren lassen, so dass sie nun aussehen wie meine; ich habe mir ihre beiden Schönheitsflecken auf die Wange tätowieren lassen. Sie lässt sich dort Goldzähne machen, 'wo ich auch welche habe; und wir beide haben uns am selben Tag Brustimplantate einsetzen lassen. Ein unvergesslicher Moment: wie wir nach der Operation aufgewacht sind und uns die Hände hielten...

Können Sie sich eine Gesellschaft vorstellen, in der es keine bipolare Geschlechterordnung mehr gibt?

Aber ja! Stellen Sie sich vor, wie schön es wäre, wenn es keine „reinen" Männer mehr gebe... wenn Männer erst so aussehen wie jede/r andere auch, dann sind sie auch nicht mehr so aggressiv und territorial. Und stellen Sie sich vor, wie schön es wäre, wenn Männern Ihren Babys die Brust geben könnten! Warum soll nicht jeder einzelne Mensch alles haben können, das Weibliche und das Männliche, das Schwarze und das Weiße undsoweiter? Warum soll man sich mit weniger zufrieden geben als möglich ist?
Weil man Beschränkungen braucht, gegen die man kämpfen kann, um zu einem glücklichen Menschen zu reifen.
Ach, es wird schon noch genug andere Beschränkungen geben, wenn die Frage des Geschlechts gelöst ist, keine Sorge. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit sind wir in der Lage, uns völlig neu zu erschaffen. Warum sollten wir uns diesem Fortschritt verweigern? Ich jedenfalls wollte das schon immer: mich selbst neu erschaffen, meine alte Identität abstreifen und eine neue erfinden. Das werde ich versuchen, so lange ich lebe. Und wenn ich tot bin, fange ich dort, wo ich dann sein werde, einfach wieder von vorne an.

Das Gespräch führte Jens Balzer.