Donnerstag, Oktober 21, 2010

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Lämmerhirt



Zwischen Romantik und Rebellion

Der Braunschweiger Folklore-Club zog einst die Stars aus aller Welt an – Jubiläumskonzert in der Brunsviga

Von Harald Duin

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Worte, die wie Musik in unseren Ohren klingen. Vier im besten Mannesalter erinnern sich an die Lieder der Sechziger und Siebziger. Hans-W Fechtel und Karl-Wilhelm Haak haben ihre Gitarren mitgebracht. Sasahara Blumenstiel ist gekommen, heute Musiklehrer im Verein "Musikuß". Ganz wichtig für die Rückblende: Klaus-Peter Isermann, der 1961 als 18-Jähriger bei der Oker-Town-Skiffle-Group und später bei den Balladeers mitwirkte.

Leider ist Hansi Dobratz bei diesem Folk-Veteranentreffen nicht dabei. Mit ihm haben wir gestern telefoniert. Dobratz erinnert sich, welch tiefen Eindruck ein Konzert Franz-Josef Degenhardts 1968 in Braunschweig machte. Drei Jahre vorher hatte Degenhardt (Jahrgang 1931) mit seinem Chanson "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" sich die kulturell miefige Adenauer-Ära vorgeknöpft.

"Folk 69" lud zu seinen ersten Veranstaltungen in das städtische Haus der Jugend an der Neustadtmühle. Dort musizierten, begleitet vom Rauschen des Neustadtmühlengrabens, alsbald Reinhard Mey, Insterburg & Co., Schobert und Black, bekannt als "Berlins singende Bärte" , sowie Liedermacher Ulrich Roski, der leider schon 2003 verstarb.

Wie war das damals, 1969? Da können wir erst einmal auf viele Artikel in der BZ zurückgreifen. Karl-Joachim Krause (kjk), Chef der Lokalredaktion Braunschweig, war ein begeisterter Folklore-Fan. Ständig brachte er Artikel über die Braunschweiger Folkszene. Unterstützt wurde er dabei von dem BZ-Redakteur Rolf Heckelsbruch. Hansi Dobratz, aus dem später bekanntlich ein erfolgreicher Konzertveranstalter wurde, schmilzt, an kjk zurückdenkend, geradezu vor Rührung dahin.

Höchst amüsant, im Folk-Album von Klaus-Peter Isermann zu blättern. Reinhard Mey sang in der Neustadtmühle unter anderem das "Klagelied eines romantischen Programmierers". "Folk 69" war offen für alles, was nicht zum etablierten Musikbetrieb gehörte – für Bänkelsang, für die Songs Bob Dylons und Pete Seegers, für Lieder aus Irland und Schottland. Typisch damals diese Melange von Romantik und Rebellion.

"Folk ’69" hatte jene Aura, in die viele Künstler allzu gerne eintauchten: der Kabarettist Hanns-Dieter Hüsch, Monty Sunshine’s Jazzband und der begnadete Gitarrist Werner Lämmerhirt, der in Braunschweig im Label "Stockfisch" seine erste Platte aufnahm. Auch "Stockfisch" war von Hansi Dobratz gegründet worden. Tontechniker Günter Pauler ist bis heute noch dabei.

"Folk 69" wechselte 1972 zu einem attraktiveren Veranstaltungsort, dem gerade eröffneten Freizeit- und Bildungszentrum (FBZ). Das Folk-Festival 1972 im FBZ und auf den Wiesen drum herum zog tausende von Fans an. In den Achtzigern und danach erlebte der Klub einige Durststrecken. Das Festival "Wilde Töne" setzt seit 2007 die Folk-Tradition Braunschweigs in bemerkenswerter Weise fort.